Eine Frage der Wahrnehmung

Die Idee dieses Blogs gibt es schon ein paar Monate. Mit den ersten Gedanken, mich mit meinen Texten zu zeigen, mich vor einer größeren Öffentlichkeit schriftlich „nackt“ zu machen, ohne an Mimik und Gestik die Reaktion meines Gegenübers erkennen zu können, kamen Stress, Angst und Vermeidungsstrategien.

Mögliche Kritik von dir, meinem Leser, hält mich dabei am wenigsten ab, damit kann ich umgehen und durch Verbesserungsimpulse lerne ich gerne.

Drei Punkte haben mir Angst gemacht:

  1. Was ist, wenn du meine Texte völlig anders verstehst als ich sie meine, du „falsche“ Schlüsse daraus ziehst und die Texte mehr schaden als nutzen?
  2. Verrate ich meinen Mann und unsere Kinder, wenn ich unser Leben öffentlich ins Internet stelle?
  3.  Aaaaaaaaah… schaffe ich es, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden oder umgibt mich jetzt jeden Tag eine „Du bist nicht gut genug“ -Wolke?

Ich möchte wachsen, meine Wahrnehmung erweitern, mutig sein und mich nicht vor meinen Ängsten zurückziehen, um mich in einer kleinen, pupswarmen Komfortzone mit Altbekanntem zufrieden zu geben. Die besten Erlebnisse in den letzten Jahren waren häufig die Folge davon, dass ich mich meinen Ängsten gestellt, Grenzen erweitert und einengende Überzeugungen überwunden habe. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Ärmel hochzukrempeln, die Krone zurechtzurücken und die schlauen Dinge, die ich anderen Menschen erzähle, bei mir selbst anzuwenden.

Also habe ich mir alle Gedanken zum Thema angesehen, überprüft und die dabei auftretenden Gefühle beobachtend-atmend zugelassen.

Zu 1.: Schade ich dir, dem Leser, wenn du meine Texte anders verstehst, als ich sie meine? – Zugegeben, im ersten Moment löst die Frage Panik aus. Im zweiten kann ich herzlich darüber lachen, dass ein Teil von mir geglaubt hat, ich hätte in der Hand, wie du mein Geschriebenes wahrnimmst.

Die Wahrnehmung eines Menschen hängt immer von seinem Bewusstseinsstand ab (*). Ein Mensch, der ängstlich ist, liest einen Text anders als einer, der sich gerade geärgert hat, sich freut oder frisch verliebt ist. Jemand, der auf seiner Meinung als der einzig wahren besteht und recht haben will, liest einen Text anders als jemand, der offen für neue Impulse ist. Jemand, der die Meinung einer Frau nicht ernst nimmt, interpretiert einen Text unterschiedlich, je nachdem, ob der Autor männlich oder weiblich ist. Und schließlich kommen noch unsere individuellen Definitionen dazu. Ein Beispiel: Assoziierst du mit „Demut“ freudige Hingabe oder eher eingeforderte Selbstaufgabe und Unterwerfung? Je nach deiner Definition liest du einen Text über Hingabe so oder so. Das Wort ist immer dasselbe.

Also warum sollte mich die Angst, missverstanden zu werden vom Schreiben abhalten? Ich gebe dir hiermit deine Verantwortung für deine Wahrnehmung zurück und bleibe bei der meinen. Offensichtlich geht es für mich hier darum, mich für mich klar auszudrücken, meine Motivation zu erkennen und mich selbst zu verstehen (Puh, Erleichterung statt Panik 😀 ).

Zu 2.: Verrate ich meine Familie? Okay, das lässt sich schnell als Blödsinn entlarven. Ich schreibe über meine Beobachtungen, nehme sicher ab und zu Bezug auf Begebenheiten mit meinen Lieben, aber es wird kein Familientagebuch. Auch hier werden keine Fotos unserer Kinder auftauchen. Zur Beruhigung meiner Klienten: Genauso wie ich die Privatsphäre meiner Familie achte, wahre ich natürlich meine Schweigepflicht und werde niemals Namen und Details nennen, wenn ich von Erlebnissen aus meiner Arbeit erzähle.

Zu 3.: Die leidige Auseinandersetzung mit meinen Ansprüchen… Schon seit ich in der Schule die ersten Aufsätze geschrieben habe, empfand ich meine Texte immer als verbesserungswürdig. Jeden Text könnte ich doch noch verkürzen / verlängern/ mit besseren Beispielen versehen / anschaulicher erklären / blablabla… Wenn ich darauf hören würde, hätte es kein Abitur, keine Unihausarbeiten, keine Homepage und keine Kurskonzepte gegeben. Mir wäre viel entgangen. Die Lösung für mich ist, einfach irgendwann zum Punkt zu kommen und den Text so stehen zu lassen. Meine Erwartung, wann etwas gut ist, ist nur eine Vorstellung und keine in Stein gemeißelte Wahrheit. Wenn ich morgen etwas mehr und tiefer verstanden habe, kann ich morgen klarer darüber schreiben. Aber heute ist heute und für heute habe ich mein Bestes gegeben. – Wie will ich mich fühlen? Entspannt, gelassen und liebevoll. Also bin ich großzügig mit mir und lasse Ansprüche Ansprüche sein. Die Alternative wäre zwanghaftes Verkrampfen oder ein Versumpfen in ewiger handlungsunfähiger Lähmung.

Mal wieder wähle ich Selbstliebe, Annahme, freudige Neugier und Vertrauen. Mit dieser Resonanz schicke ich den Blog in die Welt, here I am 🙂

 

 

(*) herzliche Empfehlung eines unheimlich hilfreiches Buches: David R. Hawkins: "Die Ebenen des Bewusstseins. Von der Kraft, die wir ausstrahlen"
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9 Gedanken zu “Eine Frage der Wahrnehmung

  1. Liebe Franziska,

    jetzt habe ich deinen Artikel von damals wieder wahrgenommen.
    Ich finde ihn wieder sehr inspirierend als Signal einfach mal loszulegen, seinen Weg zu gehen und etwas in die Welt zu bringen. Ich mag den differenzierten Blick, mit dem du dich selbst und das was du wahrnimmst reflektierst. Danke! Iris

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  2. Ich habe es ja nie wirklich in der Hand, was das, was ich tue/schreibe/vorlese in der Welt da draußen bewirkt. Da vertraue ich fest ins Leben, dass alles seinen Platz findet und jeder Text genau zur rechten zeit die richtigen Leser*innen. In meinem Weltbild ist es ein Trugschluss, zu glauben, wir könnten irgendetwas steuern. 😉 Und das finde ich auch sehr entspannend – auf eine Art.

    Bloggen ist für mich eine Chance, Interaktion zu kreieren und mich überraschen zu lassen, wie die Begegnung, die ich dadurch ermögliche, verläuft.

    Herzensgruß und ich bin gespannt, wann du hier wieder etwas Neues bloggst 🙂
    Sabine

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  3. prignitzerhinterland

    Liebe Franziska,

    bevor ich mit meinen Erlebnissen und Gedanken öffentlich wurde, also ins Netz ging, habe ich mir eine Frage gestellt: für wen tue ich das? Die Frage führte mich bisher immer wieder zu einer Antwort: für mich. Und diese Antwort relativiert für mich viele Aspekte, die du so angesprochen hast. Ich blogge, weil ich gerne schreibe. Und ich schreibe für mich, weil es mich erfüllt. Alles andere (Wie kommt das an? Interessiert es überhaupt irgendjemanden? etc.) wird nebensächlich.
    Ich kann deine Gedanken gut teilen, besinne mich in solchen Momenten aber immer wieder auf meine Motivation: schreiben, weil es mich erfüllt.

    In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Spaß beim Schreiben und Zeigen. 🙂

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    1. Danke dir für deine Gedanken dazu! 🙂 Ich blogge tatsächlich in der Hoffnung, dass meine Texte hilfreiche Impulse setzen. Wie dir macht mir das Schreiben großen Spaß, es erfüllt mich, aber das könnte ich auch weiterhin „im stillen Kämmerlein“ machen, ohne das Ergebnis zu veröffentlichen.
      Ich habe gerade mal auf deiner Seite gestöbert – sehr schöne Fotos!! Auch ich wünsche dir viel Spaß beim Schreiben und Fotografieren 🙂

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  4. Nich falsch verstehen 😉 aber wie schön ich das finde, dass Du Dich “nackig“ machst und Dich und deine Ängste hier beschreibst… Nich, dass das mit den Ängsten so was schönes is-
    Es macht dich “nur“ unglaublich menschlich! Und bringt einem das, was du schreibst einfach nochmal auf ne andere Art und Weise näher. Zumindest berührt es mich anders, als wenn da jemand sitzt, schreibt und mir seine Weisheiten einfach nur erzählen will! (Da wir uns kennen, weiß ich, dass das nich deine Intention is, aber wenn ich mir vorstelle, ich würd dich nich kennen und deine Texte lesen, bist Du mir durch deine Art Dich mit Deinen Ängsten hier beschreibender Weise auseinander zu setzen, einfach näher 🙂 ❤ )
    Und nochmal: vielen Dank, I love it 🙂

    Und ich kann Kiki nur beipflichten, pupswarme Komfortzone is gelungen 😀

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