Zweifel am Zweifel?! (1/2)

In meinem letzten Beitrag habe ich selig über all die tollen Menschen geschrieben, die mir begegnen. Tragischerweise sehen das die wenigstens genauso, wie toll sie sind. Im Gegenteil. Mir fallen sofort mehrere Frauen ein, denen ich letzte Woche gegenüber saß und entgeistert zugehört habe, wie abwertend sie von sich selbst reden.

Eine Frau verzaubert mich jedes Mal, wenn sie zur Tür rein kommt. Ich finde sie umwerfend schön, sie ist sehr aufmerksam, lieb, ehrlich, fleißig, kann über sich selbst lachen und hat (inzwischen) klare Werte. An einer anderen Frau liebe ich ihren großartigen Humor, ihre scharfsinnige Intelligenz, ihren Mut, die Disziplin, mit der sie an der Umprogrammierung hemmender Glaubenssätze dranbleibt, auch wenn es oft hart ist und, wenn sie sie denn mal zulässt, ihre wunderschöne weiche, sanfte Seite. Ich könnte weiter aufzählen, was ich an den einzelnen Menschen schätze, schön, liebenswert finde. Aber darum geht es heute nicht. Mir geht es darum, dass sie das selbst nicht sehen bzw. nicht glauben. 

Lass es mich dir an einem Beispiel erklären: Nennen wir die Frau Lara.  – Ich kenne keine Lara, sie steht stellvertretend für viele. Auch ist ein minderwertiges Selbstbild natürlich nicht nur Frauen vorbehalten. Ich erinnere mich an unzählige Gespräche, in denen Männer an ihrem Glauben verzweifelten, als Sohn / Vater / Chef/ Mann / Mensch nicht gut genug zu sein. In der letzten Woche hatte ich einfach mehr mit Frauen zu tun.

Lara also ist eine durchschnittliche Frau, nett, freundlich, es gibt keinen Grund, sie nicht zu mögen. Sie tut sehr viel für andere, passt sich mal weniger, meistens mehr an und achtet genau darauf, was ihre Mitmenschen von ihr erwarten, damit sie gemocht wird. Sie hat durchaus Freude in ihrem Leben und kann sich ab und zu sogar etwas Gutes tun. Allerdings hält sie es für ausgeschlossen, dass irgendjemand sie um ihrer selbst Willen mag. Sie ist überzeugt, dass sie nicht wirklich liebenswert ist.

Wenn ihr Freund ihr ein Kompliment macht, denkt Lara solche Sachen wie „Das sagt er jetzt bestimmt, weil er Sex will. / Er ist ja nur mit mir zusammen, weil er Angst vorm Alleinsein hat. / Ja, ja, bei der Nächstbesten ist er weg.“ Bei jeder Form von Zuneigungsbezeugungen von Freunden, Familienmitgliedern oder gar Fremden wird Lara mindestens misstrauisch, insgeheim sogar wütend darüber, dass sie gerade angelogen wird (denn an ihr ist ja nichts toll). Oder sie verachtet die Anderen dafür, dass sie so dumm sind und sich vom schönen Schein blenden lassen. Wehe, wenn jemand erkennt, wie sie wirklich ist…

Eine Klientin hat letzte Woche den treffenden Vergleich genannt, sie fühle sich wie Oscar Wildes Dorian Gray – außen jung und schön, aber innen modern die ungenügenden Abscheulichkeiten vor sich hin.

Zunächst habe ich vollkommenes Mitgefühl mit Lara! Die Lebensgeschichten „meiner“ Laras der letzten Woche machen absolut verständlich, woher Minderwertigkeitsgedanken, Selbstablehnung und Selbsthass kommen. Die Eltern haben ganze Arbeit geleistet, um ihren Kinder einzuprügeln, dass es so, wie sie sind, vorne und hinten nicht reicht, um geliebt zu werden. Lara, verdien´ dir deine Existenzberechtigung, beweise erstmal, dass du es wert bist zu atmen!

Findest du das zu krass? Vielleicht sind das tatsächlich die Extrembeispiele, die bei mir landen. Ich weiß es nicht, manchmal kommt es mir vor, als sind die liebevollen Kindheiten die Ausnahme.

Selbst wenn Lara nicht geschlagen, missbraucht oder gedemütigt wurde, wenn sie eine behütete, sorgenfreie Kindheit hatte, so war Liebe doch meistens an Bedingungen geknüpft: sei brav, ein liebes Mädchen, schreibe gute Noten, räum´ dein Zimmer auf, sei nicht wütend oder vorlaut, nicht zu ausgelassen, bleib anständig, enttäusche mich nicht.

Die Eltern haben das weitergegeben, was sie kennen und erlebt haben (wer von ihnen wurde bedingungslos geliebt?). Es ist so verständlich, dass Lara sich nicht toll findet.

Gleichzeitig zum Mitgefühl möchte ich Lara aber auch gerne mal schütteln, damit sie aufwacht: Bei all den Selbstzweifeln, die dich plagen… wann hast du deine Zweifel und dein Selbstbild mal in Frage gestellt??? Dass du nicht gut / schön / schlau genug bist, hältst du also für die unumstrittene Wahrheit?? In welchen Stein ist das gemeißelt? Es sind nur Gedanken, Meinungen, Thesen einzelner Menschen. Menschen, die dir wichtig waren oder sind und die dich geprägt haben, aber doch nur Einzelmeinungen, geboren aus eigenen schmerzhaften Erlebnissen, Mangel an Liebe und Missverständnissen davon, wie ein Kind/ Mensch zu sein hat.

Mach die Augen auf und sieh dich um. Es gibt Menschen, denen DU wichtig bist, die dich lieben, auch wenn du mal anstrengend, zickig oder verletzend bist!

Liebste Lara, du arrogantes Frettchen 😉 , bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass es anmaßend und unfair ist, wenn du dein Selbstbild auf andere projizierst und ihnen unterstellst, sie könnten dich nicht lieben?

Glaube mir, Selbstliebe kann man lernen! Und wenn du dich achtest, kannst du auch deinen Mitmenschen glauben, dass sie dich mögen. Die Frage ist, ob du lernen möchtest, liebevoll, freundlich, wohlgesonnen mit dir umzugehen oder ob du lieber recht haben und an deiner Überzeugung, du seist nicht gut genug, festhalten willst…

 https://www.youtube.com/watch?v=w8o5LHxRq5U

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