Vom Umgang mit Wut, Hilflosigkeit und Co… 2

Jeder von uns hat also irgendwann begonnen, mehr oder weniger unbewusst, Gefühle in gut und schlecht einzuteilen und seitdem versucht, die schlechten Gefühlen zu vermeiden.

Manchen Menschen gelingt das tatsächlich erstaunlich gut, die Wahrnehmung ihrer Gefühle auf ein Minimum runter zu regulieren. Ist diese Mauer allerdings einmal errichtet, gilt sie nicht nur für die unangenehmen Gefühle, vor denen man sich schützen wollte, sondern hält ebenso die angenehmen auf Distanz. Statt von heiß zu kalt und zurück bleibt das Gefühlsleben dann kontrolliert lauwarm, statt knalligbunt gibt´s nur pastellfarben. Soll ja Leute geben, denen das reicht 😉

Dieser Plan geht jedoch langfristig nicht auf, weil sich Ängste und Sehnsüchte eben nicht auf Dauer unterdrücken lassen.

Wenn du eine Erfahrung gemacht hast, die sehr schmerzhaft war, wahrscheinlich in einem Alter, in dem du die Situation noch gar nicht reflektieren konntest und ein Teil dachte „Dieser Schmerz ist nicht aushaltbar, den will ich nie wieder fühlen!“, hast du diesem Schmerz den Negativ-Stempel aufgedrückt. Mit den Jahren wiegen die Angst vor und der Widerstand gegen den Schmerz mehr als das schmerzhafte Gefühl an sich.

Zu einem natürlich-sinnvollem Umgang mit den eigenen Gefühlen gehören deshalb die Neutralisation der Bewertung und das bejahende Fühlen.

Der erste Schritt ist das Bewusstmachen der verurteilenden Bewertung, der zweite die Erkenntnis, dass kein einziges Gefühl gut oder schlecht ist. Jedes Gefühl IST  einfach. Es gibt uns die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, uns zu spüren, zu erkennen und unsere eigenen Werte zu entdecken (der Wunsch nach Frieden entsteht im Kampf, der nach innerer Ruhe in gestresster Anspannung, die Sehnsucht nach Liebe und Freude lässt uns anders handeln als Angst oder Ärger).

Nehmen wir die Wut. Wut kann kalt, gemein und zerstörerisch sein, aber auch beflügelnd und kraftspendend. Die Wut an sich ist weder gut noch schlecht! Sie IST  einfach! Und jeder Mensch hat die Möglichkeit, Wut zu spüren in sich. Durchgehend wütend zu sein, wäre nicht nur für dich selbst und deine Mitmenschen anstrengend, es wäre auch stressig für deinen Körper, du könntest nie zur Ruhe kommen und zufrieden sein. Aber stell´ dir vor, dir fehlte die Wut als Ausdrucksmöglichkeit! Wie wolltest du mal auf den Tisch hauen, um deine Grenzen zu zeigen, wie wolltest du Ungerechtigkeiten begegnen, wie rebellieren, wenn nötig?

Es kommt darauf an, in welcher Situation, in welchem Maß und vor allem aus welcher Motivation heraus du deine Wut auslebst.

Oder nehmen wir die Hilflosigkeit – zugegeben, Ohnmacht und Hilflosigkeit zählen jetzt auch nicht zu meinen Favoriten, auch wenn wir inzwischen keine Feinde mehr sind. Auch die Hilflosigkeit ist weder gut noch schlecht. Hilflosigkeit fühlt sich vielleicht nicht besonders angenehm an, aber erst in der Hilflosigkeit lernen wir, um Hilfe zu bitten (und sie dann anzunehmen). In der Ohnmacht streben wir nach unserer Macht / Kraft, entwickeln neue Strategien, eignen uns neue Kenntnisse an und wissen die Stärke einer Gemeinschaft zu schätzen. Hilflosigkeit fördert unsere Entwicklung ungemein 🙂

Wenn du Lust hast, versuche doch mal bei den Gefühlen, die für dich bisher schlecht waren, die Geschenke zu finden. Ich verspreche, jedes noch so ungeliebte Gefühl hat einen Nutzen!

So vorzugehen ist deshalb sinnvoll, weil du dich dann leichter auf ein bisher abgelehntes Gefühl einlassen kannst. Wenn du überzeugt bist, dass Wut gefährlich ist, weil du dann entweder für andere beängstigend wirst oder weil du Angst hast, abgelehnt und ausgeschlossen zu werden, dann wird dir dein innerer Wächter bei der Aufforderung, Wut doch mal zuzulassen, den Vogel zeigen.

Getreu dem Motto:

Notiere dir das Gefühl, was du dir ansehen willst und dann schreib alles auf, was dir dazu einfällt. Wahrscheinlich bist du erstaunt, wie viele Sätze dir in den Sinn kommen, die du von Eltern oder Lehrern kennst. Überprüfe diese Glaubenssätze auf ihren Wahrheitsgehalt (Muss eine erwachsene Frau tatsächlich immer noch lieb, brav und leise sein oder ist es nicht viel attraktiver, wenn sie auch mal die Löwin rauslässt und für sich einstehen kann?). Finde das Geschenk des bisher abgelehnten Gefühls und mache dir (wieder und wieder 😉 ) klar, dass es keine guten und schlechten Gefühle gibt und wir uns mit dieser Bewertung nur einschränken. Übernimm die VerANTWORTung für deine Gefühle und die Bewertungen, die du ihnen bisher gegeben hast. Steh dazu – Verantwortung macht frei!!

Wenn du dich auf diese Art mit deinen Gefühlen anfreundest, fällt dir das bejahende Fühlen gleich viel leichter. Bejahendes Fühlen heißt, dass du präsent bleibst anstatt dich mit Essen, Sport, Sex, TV oder sonstwas abzulenken. Bemerkst du ein unangenehmes Gefühl, dann nutze keine deiner üblichen Vermeidungsstrategien, sondern setze dich stattdessen hin, lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Erlaube dir, gleichzeitig zu fühlen und zu beobachten. Nimm wahr, wo in deinem Körper sich das Gefühl bemerkbar macht, wie genau du es spüren kannst, dann atme an diese Stellen und lasse es so intensiv werden, wie du es aushalten kannst.  Benenne das Gefühl und lade es ein. Sage ihm, dass du dir jetzt Zeit für es nimmst und präsent bleiben wirst. Zeige, „Du darfst jetzt da sein!“. Wenn du den Eindruck hast, es wird zu heftig, konzentriere dich wieder auf deinen Atem. Du kannst dir nochmal klar machen, dass du das Gefühl hast, aber du bist viel mehr als das. Es ist ein Teil von dir, so wie deine Nase ein Teil von dir ist. Dadurch kannst du die schmerzhafte Identifikation mit dem Gefühl loslassen. Ich selbst empfinde das wie eine Welle. Ein Gefühl kommt, bricht sich am höchsten Punkt, rollt davon und hinterlässt eine angenehm erlöste Ruhe.

Das ist eine Übung, die mit der Zeit immer einfacher und schneller geht.

Noch ein kleiner Tipp: Frag dich ruhig mal, ob unter dem Gefühl, was du wahrnimmst, noch ein anderes steckt. Manche Menschen halten eine aktive Wut, die man rausschimpfen und -schreien kann leichter aus als die passive Hilflosigkeit, die manchmal darunter liegt.

Zurück zum Ausgangsthema: Wenn dich die Schlagzeilen vom Silvesterabend aus Köln berühren, bleibe mit der Aufmerksamkeit vollständig bei dir. Nimm wahr, welche Gefühle in dir aufsteigen, benenne sie und halte sie atmend aus.

Wenn du als Frau zum Beispiel mit Angst auf die Nachrichten reagierst, fühlst du wahrscheinlich nicht nur die aktuelle Angst vor einem Überfall, sondern auch all die bisher nicht gefühlte Angst vor Männern, die du in deinem Leben angesammelt hast.

Wenn du als Mann mit der Angst um deine Frau reagierst, wirst du möglicherweise mit alter Hilflosigkeit konfrontiert aus Situationen, in denen du andere oder dich selbst nicht (be)schützen konntest oder mit der generellen Ohnmacht, die einhergeht mit Angst vor Kontrollverlust.

Wenn du dir jetzt die Zeit für dich nimmst, dich aus den Diskussionen rausziehst und stattdessen bei dir bleibst, nutzt du die Chance, alte Verletzungen gleich mitzuheilen. Mitgefühl statt Mitleid kommt mühelos, wenn du die Verantwortung für deine Gefühle übernimmst. Und du kannst sehr klar und deutlich zu deinen gewählten Werten  stehen auch ohne dich selbst in der Verurteilung gefangen zu halten.

Wenn du Lust hast, freue ich mich sehr über Erfahrungsberichte!

 

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