Nachtrag: Unsere Wahl

Auf meinen Beitrag von vorgestern hin wurde ich gefragt, warum ich zu den Vorkommnissen in Köln nicht deutlicher Stellung bezogen habe. Das möchte ich gerne ausführlich beantworten.

Mir liegt es völlig fern, sexuelle Gewalt in irgendeiner Form herunterzuspielen oder zu verharmlosen. Der Lehrer, der mich mit 12, 13 ein Jahr lang missbraucht hat, ist Deutscher. Der „Freund“, der mich mit 18 fast vergewaltigt hat und nur genervt von mir runterrollte, weil ich so geheult habe, ist urbayerisch. Die Männer, die als Stammgäste in die Kneipe kamen, in der ich mit 20 gekellnert habe, und mich mit einer selbstgerechten Selbstverständlichkeit belästigt haben, als wäre es ihr Geburtsrecht so mit Frauen umzugehen, waren allesamt Deutsche. Die Hälfte meiner Freundinnen hat Missbrauchserfahrungen. Von den Menschen, denen ich in der Praxis begegne, sind es sogar zwei Drittel – sowohl auf der Opfer- als auch auf der Täterseite gibt es Männer und Frauen!

Ich empfinde es deshalb als sehr scheinheilig ( = nur zum Schein heil), dass die Idee, wir hätten als Gesellschaft durch Flüchtlinge / arabische Männer / Muslime plötzlich Probleme mit Frauenverachtung und sexueller Gewalt, so breite Zustimmung findet. So als ob wir vor der Ankunft der Flüchtlinge damit nichts zu tun hatten. Oft gelesen: „Wer deutsche Werte wie Respekt vor Frauen nicht achtet, soll das Land verlassen.“ Verstehe ich, das wäre das einfachste, bequemste und ist wohl bei den allermeisten Menschen der erste Impuls. Das, was weh tut, soll weg. Aus den Augen, aus dem Sinn… Nur, was machen wir mit all den hier Geborenen, die sich nicht daran halten?

Und wie sieht unsere Welt in 10, 20 Jahren aus, wenn unsere Lösung jetzt (mal wieder) so aussieht, dass sich um Probleme „die Anderen“ kümmern sollen?

Wer Kinder hat, weiß, dass Erziehung nur durch authentisches Vorleben tatsächlich fruchtet. Jeder Versuch, jemand anderen durch bloßes Erklären, Missionieren, Bedrohen, Schuldzuweisen, Bestechen, Erpressen,… zu überzeugen, funktioniert nicht wirklich. Vielleicht kann man seinem Gegenüber seinen Willen kurzfristig aufzwingen (oder ihn brechen), mit einem ehrlichen Verstehen und freudvollen Nachahmen wird der andere aber nicht reagieren.

Wie soll das funktionieren, dass eine Gesellschaft von Neuankömmlingen (die nun mal da sind und nachkommen, ob einem das passt oder nicht) Werte einfordert, die sie selbst nur unvollkommen lebt?

Frauen dürfen in Deutschland wählen, Kleidung, Beruf und Ehemänner selbst aussuchen und (immerhin für einen großen Teil der Frauen nicht nur in der Theorie sondern auch im Alltag) selbst entscheiden, ob, wann und mit wem sie körperliche Nähe austauschen wollen. Es gibt die offensichtlichen Fortschritte, die mehr Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichen.

Damit sind wir definitiv weiter als zu Zeiten, in denen von Kirche, Familie und Gesellschaft alternativlos vorgeschrieben wurde, dass die Frau zum Wohlgefallen ihres Mannes  Zuhause Kind und Küche zu hüten hat. Oder dass Sex nur zur Fortpflanzung bzw. nur in der Ehe erlebt werden darf (eine Frau, die Spaß daran hat, ist aber trotzdem eine Sünderin…). In seiner Entwicklung weiter ist auch, wer Frauen nicht für ein minderwertiges Wesen hält, deren Existenzberechtigung ist, dem Mann gehorsam und unterwürfig zu dienen. Dieses Frauenbild findet sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder, scheinbar legitimiert durch die verschiedensten religiösen Schriften. Dass viele Menschen Angst haben, die gewonnene Freiheit wieder zu verlieren und einen Rückschritt in die Vergangenheit zu erleben, ist absolut nachvollziehbar. Aber Angst vor der Wiederholung der Vergangenheit ist eben keine Prognose für die Zukunft, außer man macht es (verstärkt durch unreflektierte gemeinschaftliche Übereinkunft) zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Wer in seiner Entwicklung einen oder mehrere Schritte weiter ist, weil er seine Wahrnehmung erweitert, Missverständnisse ausgeräumt und Fehlinterpretationen korrigiert hat, ist damit aber nicht der bessere, wertvollere Mensch, der das Recht hat, sich hochmütig über andere zu stellen! Ein Schüler der 8. Klasse ist weiter in seiner Entwicklung als einer aus der 5. Klasse – aber eben kein besserer Mensch und von der Hochschulreife auch noch ganz schön weit weg. (Und auch das Abitur – oder die Erleuchtung – steigern den Liebes- und Lebenswert eines Menschen nicht!)

Was tatsächliche Gleichwertigkeit zwischen Männern und Frauen angeht, wenn man in die Köpfe guckt und das Verhalten untereinander betrachtet, befinden wir uns in einem sehr ausbaufähigen Stadium und müssen noch eine Menge an Hausaufgaben erledigen.

Fehlende Achtung und Toleranz sind dabei nicht nur Männern vorbehalten, auch wenn darauf gerade der öffentliche Fokus besonders liegt. Ich denke dabei an Frauen mit oft unversöhnlichen Männerbildern, daran, wie Frauen übereinander herziehen können („Sieh dir mal die Schlampe an!“, „Die Tussi ist zu dürr / zu fett / zu …“) oder auch daran, wie gnadenlos sich Mütter im Streit um DEN perfekten Erziehungsstil zerfleischen können.

Wenn wir den Fokus statt aufs Geschlecht eher auf die religiöse Gesinnung legen, ist die katholische Kirche samt ihrer Vertreter mit der hohen Anzahl an Missbrauchsfällen auch nicht gerade das christliche Vorbild an Nächstenliebe und aufgeklärter Menschenachtung.

Ich zähle diese verallgemeinernden Aussagen mitnichten anklagend auf! Ich möchte zeigen, dass die aktuellen Krisen keine neuen Probleme sind, sondern Themen, deren Aufarbeitung und Heilung schon lange ansteht! Wir werden durch die direkte Konfrontation mit anderen Kulturen und Werten nur lauter, deutlicher, unübersehbar mit der Nase darauf gestoßen. Die eigenen Schatten – verurteilende Überzeugungen, verdrängte Gefühle – nehmen im Spiegel unserer Umwelt in einer Form Gestalt an, dass ein Ignorieren kaum länger möglich ist. Ich glaube nicht, dass es mehr Kampf, Gewalt und Missachtung gibt als in anderen Zeiten, wir erleben es heute öffentlicher, weniger versteckt, vertuscht und durch die moderne Technik sehr viel näher. Wir bekommen sämtliche Schreckensnachrichten aus der ganzen Welt live und in Farbe mit. Die große Frage ist, wie wir damit umgehen, als Einzelner, als Gesellschaft, als Mann / Frau / Mensch…

Vor lauter Angst den Kopf in den Sand stecken („Die Welt ist schlecht, da kann man nichts machen, wir warten auf den Untergang.“), Wut, Hass, Rachegelüste an den als schuldig und Auslöser allen Übels Erkannten ausleben und damit die nächsten Kriege anzetteln oder alle Gefühle verdrängen und durch Ignoranz glänzen – das ist das, was Menschen schon immer machen und die beste Möglichkeit, die Vergangenheit wieder und wieder zu wiederholen. Schatten und Schmerz hilflos zu verleugnen und Love, Light, Happiness und Glitzerstaub drüberzustreuen, ist auch nicht viel hilfreicher. All das haben wir zur Genüge probiert und könnten so langsam mal merken, dass DAS offensichtlich nicht zu Verständnis, Mitgefühl und Frieden führt.

Wir können schon Ländergrenzen hochziehen, Menschen abschieben, keinen mehr reinlassen und so tun, als wäre das die Lösung. Für mich ist das so kurzsichtig, wie wenn in einem menschlichen Körper in den Nieren Schmerz und Krankheit toben und die Leber sagt, „Das geht mich nichts an, was hab ich mit den Nieren zu tun?! Ist doch deren Problem, sollen die sich mal selber drum kümmern.“ Ist irgendwo schon richtig, aber am Ende stirbt eben doch der ganze Körper, wenn die Nieren nicht geheilt werden.

Nutzen wir die Chance in der Krise, um uns für das einzusetzen, was wir leben wollen statt gegen das zu kämpfen, was wir nicht wollen! „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ sagte Gandhi und bringt es damit  auf den Punkt. Jeder von uns steht vor seiner persönlichen Wahl.  Was willst du, welche Werte willst du leben? Und wo tust du es nicht, wo verrätst du dich?

Aus dieser Motivation heraus habe ich den letzten Beitrag geschrieben. Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, können wir bei uns selbst anfangen: Unsere eigenen Vorurteile, Klischees und überholten Rollenbilder ehrlich aufdecken und  hinterfragen, uns den eigenen Gefühlen mutig stellen, uns unserer Werte klar bewusst werden und mit bestem Beispiel authentisch vorangehen (ohne erhobenen Zeigefinger!). Gegen uns selbst und andere gekämpft haben wir lange genug. Die friedlichere Alternative ist, sich für die Gesetzmäßigkeiten des Lebens zu öffnen, den eigenen Schatten zu begegnen, die eigene Resonanz zu verändern und ein liebvolles Beispiel zu werden. Es ist möglich, sich von veralteten patriarchalischen Denkmustern zu befreien!

Statt über schuldige Täter und hilflose Opfer zu reden,  tausche dich mit deinen Lieben, deinen Freunden und Kollegen darüber aus, welche Werte dir wichtig sind, was das im konkreten Handeln für dich bedeutet, wo du dich noch schwer tust und Unterstützung brauchen könntest. Rede von dir statt über andere, verstehe deine Motivation statt die Motive der anderen zu analysieren. Was ist deine Vision von einem friedlichen Zusammenleben und was kannst du jetzt sofort und täglich dazu beitragen? Beschäftige dich mit deinen Überzeugungen, deinen Gefühlen und umgib dich mit Menschen, die mehr an konstruktiven Lösungen als an pauschalen Verurteilungen interessiert sind. Das erfordert Mut, Einsatz, Geduld und die Bereitschaft zu ehrlicher Reflexion. Und doch – wann, wenn nicht jetzt?!

Was wählst du?

 

  • Buchtipp: Ruediger Dahlke: „Die Schicksalsgesetze: Spielregeln fürs Leben – Resonanz, Polarität, Bewusstsein“
  • mein Lebensmotto: „Am Ende ist alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

 

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