Selbstbehauptung (2.1): Grenzen erkennen

Nicht nur in den Mädchen-Selbstbehauptungskursen sind Grenzen ein Thema, auch für viele Erwachsene ist das Erkennen, Setzen und Wahren der eigenen Grenzen eine Herausforderung.

Eine Grenze ist dabei erst einmal ganz banal eine Trennlinie zwischen dem, was erlaubt / erwünscht / toleriert ist und dem, was verboten oder unerwünscht ist und aus dem eigenen Hoheitsgebiet herausgehalten werden soll. Grenzen können sowohl körperlich als auch verbal überschritten werden, von Anderen oder von sich selbst. Bevor ich meine Grenze klar setzen und wahren kann, muss ich sie zunächst selbst (er)kennen.

Mit den Kids beginnen wir auf der körperlichen Ebene mit einer Übung. Wir erklären ihnen, dass ihr Körper wie ein Haus ist mit einem Garten drumherum und einem Gartenzaun. Dieser Gartenzaun schützt ihren persönlichen Bereich. Der kann mal größer und mal kleiner sein, für bestimmte Menschen öffnet man sehr gerne das Tor des Gartenzauns (z.B. zum Kuscheln mit Mama oder Papa), andere müssen immer draußen bleiben. Wenn einem jemand zu nahe kommt und unerlaubt im Garten steht, spüren wir das. Zum Beispiel spüren wir, wenn uns beim Einkaufen in der Schlange an der Kasse jemand zu nah auf die Pelle rückt. Oder wenn jemand, dem wir den Rücken zugewandt haben, uns „ins Genick starrt“. Obwohl wir in einem solchen Fall nicht sehen können, dass uns jemand zu nah gekommen ist, sind wir in der Lage, es zu fühlen. Jüngere Kinder umschreiben das oft einfach damit, dass sie ein „komisches“ Gefühl bekommen. Wir nutzen in den Kursen den Begriff der Alarmanlage, die sich bemerkbar macht – bei jedem Kind auf eine individuelle Weise.

In der Übung stehen wir alle in einem sehr großen Kreis, ein Kind steht mit geschlossenen Augen in der Mitte. Wir im großen Kreis bewegen uns mit ganz kleinen Schritten auf das Kind in der Mitte zu. Aufgabe desjenigen in der Mitte ist, zu erspüren, wann sich die Alarmanlage meldet, um zu zeigen, dass der Gartenzaun erreicht ist und dann laut Stopp zu rufen, damit der Kreis stehen bleibt. Anschließend öffnet das Kind die Augen und prüft, ob der Abstand passt, wir vielleicht schon zu nah gekommen sind oder aber noch näher hätten kommen dürfen. Wir besprechen, wo und wie im Körper das Kind die Alarmanlage gefühlt  hat. Bei dem einen kribbelt die Haut, die andere merkt es im Bauch, der nächste am Rücken oder daran, dass der Hals enger wird und der Atem knapper wird. Spannend ist, dass jeder Mensch (unabhängig seines Alters), mit dem ich diese Übung bisher gemacht habe, ganz offensichtlich reagiert hat, als seine Grenze erreicht war. Nicht jeder sagt rechtzeitig Stopp, denn nicht jeder nimmt die eigene Reaktion auch wahr, dennoch ist sie da und von außen sichtbar. Oft bewegen sich Hände oder Arme, die Augen blinzeln hektisch oder die Mundwinkel zucken.

Natürlich variieren die Grenzen, je nach gemachten Erfahrungen, Tagesform, Stimmung und Gegenüber. Aber immer reagiert etwas in uns darauf, wenn eine Grenze erreicht ist. In meiner bisherigen Arbeit fällt es Kindern häufiger noch leichter als Erwachsenen, diese Reaktionen deutlich wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen.

Was passiert, wenn man nicht in der Lage ist, die eigenen Grenzen rechtzeitig, das heißt vor deren Überschreitung, wahrzunehmen? Vielleicht weil man es entweder nie gelernt oder inzwischen verlernt hat? Wie reagierst du, wenn jemand absichtlich oder aus Unachtsamkeit deine Grenzen missachtet? Und was ist, wenn dieser jemand du selbst bist?

Über die körperlichen Grenzen hinaus lässt sich das auf den Alltag übertragen (und da stecken wir mitten im Thema der Selbstbehauptung). Grenzüberschreitungen sind vielfältig möglich: im unangehmen Sinn zum Beispiel, wenn jemand ungefragt deine privaten Dinge nimmt; Vertrauliches weitererzählt; weiß, was das Beste für dich ist und das einfordert; dich emotional erpresst; dir unerwünschte Ratschläge erteilt; dein Nein ignoriert. Oder wenn du dir trotz Erschöpfung keine Ruhe gönnst; dir zu viele Aufgaben aufhalsts; mit jemandem Zeit verbringst, den du nicht leiden kannst; Ja sagst obwohl du nein meinst. …

Wie reagierst du in einem solchen Fall von Grenzüberschreitung? Je nachdem, ob du dich selbst missachtet und verraten hast oder jemand anderes deine Grenze verletzt hat, spürst du wahrscheinlich Ablehnung, Hilflosigkeit, Wut oder Angst, in der Regel aber immer Stress und einen Verlust an Leichtigkeit und Freude.

Natürlich gibt es auch noch eine andere Seite. Eine Grenzüberschreitung kann nach anfänglichem „Dehnungsschmerz“ auch sehr angenehm sein, wenn sie deine Komfortzone in einer Form erweitert, die dich mit Spaß wachsen lässt. Zum Beispiel, wenn du etwas Neues lernst; über deinen Schatten springst; dich beim Sport überwindest; mutig etwas wagst, obwohl deine Angst bisher eine Grenze gesetzt hat; heute etwas für möglich hältst, was bis gestern noch unmöglich schien; im wahrsten Sinne des Wortes Neuland betrittst. Oder wenn dir jemand eine große  Aufgabe gibt, weil er dir (zu Recht) mehr zutraut als du dir selbst.

Auch das gehört zum Selbstbild und damit zur Selbstbehauptung! Doch bleiben wir zunächst noch bei den Situationen, in denen es unangenehm und schmerzhaft ist, wenn deine Grenzen nicht gewahrt werden.

Wir können erst dann eine Grenze klar kommunizieren, wenn wir sie selbst kennen und erkennen! Dieses Erkennen bzw. Erspüren ist der erste Schritt, der zweite, sich die erkannten Grenzen auch zu erlauben und erst im dritten Schritt geht es darum, wie wir unsere Grenzen setzen. Welche Möglichkeiten gibt es also, rechtzeitig vor Erschöpfung, Burnout oder Aggression Stopp zu sagen?

Zum Einen ist es notwendig, die eigenen Werte zu kennen, zu wissen, wo Kompromisse möglich sind und welche Werte für sich selbst unantastbar sind.  (Wenn z.B. Ehrlichkeit einer meiner unantastbaren Werte ist, ist eine Lüge eine klare Grenzüberschreitung. Das kann ich meiner Umwelt gegenüber so ausdrücken und ich kann (und muss?) mich selbst daran messen.)

Dabei ist es hilfreich, sich einmal mehr bewusst zu machen, dass jeder Mensch seine individuelle Prioritäten hat, seine Werte vertritt und damit seine eigenen Grenzen hat. Die unhinterfragte Projektion, alles, was mir wichtig ist, sei dir automatisch genauso wichtig, führt zu Missverständnissen und Konflikten.

Zum anderen ist eine geschulte Achtsamkeit seinem Körper gegenüber und die Wahrnehmung der eigenen Intuition unerlässlich in einem gesunden Umgang mit Grenzen. Die innere „Alarmanlage“, spürbar im Körper und sichtbar durch Körperreaktionen, zeigt klar an, wann der Gartenzaun – physisch und im übertragenen Sinn – erreicht ist. (*). Wenn du achtsam auf deinen Körper hörst, spürst du, wann du Ruhe brauchst und wann Aktivität. Ein Ja zu einer Situation fühlt sich im Körper anders an als ein Nein usw.

Im nächsten Beitrag sehen wir uns an, warum es nach dem Erkennen der eigenen Grenzen so wichtig ist, sich diese zu erlauben (und warum die Umsetzung gar nicht so leicht und selbstverständlich ist, wie es vielleicht im ersten Moment klingt).

(*) Den Themen Werte, Körperwahrnehmung und Intuition möchte ich in den nächsten Wochen eigene, ausführlichere Beiträge widmen.

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4 Gedanken zu “Selbstbehauptung (2.1): Grenzen erkennen

  1. Da sagst Du was, liebe Franziska. Das wird sicher ein Leben lang mein Thema bleiben als Hochsensitive. Bin immer viel mehr bei/in anderen als bei mir. Obwohl meine Intuition ausgezeichnet ist, reagiert sie aber für andere ebenso – ich bin sozusagen alle. Tantra- also Erdung – hat mich schon ein ganzes Stück weitergebracht.
    Liebe Abendgrüße

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    1. Liebe Andrea,
      ich denke schon seit ein paar Tagen über deinen Kommentar nach und bin neugierig. Hast du schon einen Beitrag darüber geschrieben, wie dir Tantra beim Erden / Grenzen setzen hilft?
      Liebe Abendgrüße zurück 🙂

      Gefällt 1 Person

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